Odessa, die „französischste“ Stadt der Ukraine in Gefahr

Die engen Beziehungen zwischen der ukrainischen Stadt Odessa und Frankreich reichen weit zurück. Frankreich spielte bereits bei der Entwicklung Odessas zu einem bedeutenden Seehafen eine wichtige Rolle und unterstützte gemeinsam mit den örtlichen Behörden den Aufschwung und die Strahlkraft der Stadt. Als Partnerstadt von Marseille profitiert die drittgrößte Stadt der Ukraine bis heute von der Unterstützung der größten Mittelmeerstadt Frankreichs. Ein kurzer Rückblick auf 200 Jahre französisch-ukrainische Freundschaft.

Veröffentlicht am : 03 August 2026

Philharmonie Odessa
Judith Litvine / MEAE

Ein Franzose als Wegbereiter der Entwicklung Odessas

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts übertrug Kaiser Alexander I. einem Franzosen die Verantwortung für die Entwicklung Odessas, das damals noch ein kleines Fischerdorf am Schwarzen Meer war: Armand Emmanuel du Plessis de Richelieu, Herzog von Richelieu und Ururgroßneffe des berühmten Kardinals Richelieu. Als Gouverneur der Stadt von 1803 bis 1814 ließ der Herzog den Hafen ausbauen und zu einem bedeutenden Handelshafen entwickeln, förderte die Gründung öffentlicher Einrichtungen und prägte das Stadtbild nachhaltig durch einen neoklassistischen und mediterranen Baustil. Noch heute steht seine Statue am oberen Ende der monumentalen Potemkinschen Treppe, die bisweilen auch „Richelieu-Treppe“ genannt wird und den Hafen mit der Stadt verbindet.

Ein weiterer Franzose, der Graf von Langeron, General im Dienst des Russischen Reiches, trat die Nachfolge des Herzogs von Richelieu als Gouverneur von Odessa an. Er erklärte die Stadt zum Freihafen, wodurch ihre Exporte erheblich zunahmen und der Grundstein für ihren Wohlstand legten.

Odessa: ein bedeutendes Zentrum des französischen Kultur- und Einflussnetzwerks

Seit der Städtepartnerschaft mit Marseille im Jahr 1972 entwickelte sich Odessa nach der Unabhängigkeit der Ukraine zu einem wichtigen Knotenpunkt des französischen Kultur- und Einflussnetzwerks in der Ukraine. Aus dieser Partnerschaft gingen zahlreiche bedeutende Kulturprojekte hervor, darunter das internationale Filmfestival von Odessa, das internationale Jazzfestival von Odessa sowie die Ausstellung über Odessa im Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers (MuCEM) in Marseille im Jahr 2014. Auch nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Jahr 2022 wurde diese Zusammenarbeit fortgesetzt: Die Kooperation zwischen Marseille und Odessa wurde sogar intensiviert und die wichtigsten Kulturveranstaltungen konnten aufrechterhalten werden.

Im Oktober 2022 reichte Odessa zudem den Antrag auf Aufnahme seines historischen Stadtzentrums in die UNESCO-Welterbeliste ein. Am 25. Januar 2025 gab die UNESCO diesem Antrag statt und setzte die Stadt zugleich auf die Liste des gefährdeten Welterbes. Rechtlich begründet diese Eintragung einen erweiterten Schutz nach dem UNESCO-Übereinkommen von 1972 zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt.

Odessa ist heute in Gefahr

Nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 blieb Odessa der einzige bedeutende Seehafen mit freiem Zugang. Mit dem Beginn des russischen Angriffskriegs am 24. Februar 2022 kamen die ukrainischen Seeexporte jedoch zum Erliegen. Mehr als 20 Millionen Tonnen Getreide konnten den Hafen von Odessa nicht verlassen, was die weltweite Ernährungskrise zusätzlich verschärfte. Als Reaktion richtete die Europäische Union mit Unterstützung Frankreichs sogenannte Solidaritätskorridore ein, um den Export ukrainischen Getreides über Straßen-, Schienen- und Wasserwege zu ermöglichen. Am 22. Juli 2022 unterzeichneten die Ukraine und Russland unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen separat Vereinbarungen mit der Türkei zur Errichtung eines sicheren Seekorridors für Getreideexporte über das Schwarze Meer. Der Hafen von Odessa sowie die benachbarten, kleineren Häfen Tschornomorsk und Piwdenne stehen im Mittelpunkt dieser Vereinbarung. Seit dem 24. Februar 2022 ist Odessa wiederholt Ziel russischer Raketenangriffe auf zivile Infrastrukturen geworden. Nach Angaben des Gouverneurs der Stadt haben seit Kriegsbeginn rund 200 000 Menschen die Region verlassen, von denen lediglich die Hälfte bislang zurückgekehrt ist. Vor dem Krieg lebten in Odessa, der drittgrößten Stadt der Ukraine, rund eine Million Menschen.

Angesichts dieser Lage erhielt Odessa umfangreiche humanitäre Unterstützung aus Marseille. Die Stadt beteiligte sich an der Hilfsaktion „Ein Schiff für die Ukraine“ und spendete sechs Tonnen Medikamente, ein Geländefahrzeug sowie ein Festrumpfschlauchboot. Bereits im August 2022 reiste der Bürgermeister von Marseille nach Kyjiw, um ein Abkommen über den nachhaltigen Wiederaufbau der ukrainischen Städte zu unterzeichnen. Bei dieser Gelegenheit bekräftigte er die uneingeschränkte Solidarität seiner Stadt mit ihrer Partnerstadt Odessa.

In diese symbolträchtige Stadt reiste die französische Ministerin für Europa und auswärtige Angelegenheiten am 26. Januar 2023 zu ihrem vierten Besuch in der Ukraine seit Beginn des Krieges. Damit unterstrich sie die langfristige Unterstützung Frankreichs für das ukrainische Volk.