10 Jahren Krisenzentrum: Interview mit dem deutschen Austauschdiplomaten (10. Juli 2018)

Das Krisen- und Unterstützungszentrum (Centre de crise et de Soutien, CDCS) des Ministeriums für Europa und auswärtige Angelegenheiten wurde vor dem Hintergrund der weltweit immer häufiger auftretenden Krisen (in den Bereichen Sicherheit, Klima, humanitäre Hilfe, Politik, Gesundheit usw.) am 2. Juli 2008 gegründet. Seit 10 Jahren mobilisiert und koordiniert das Zentrum in Krisenfällen die Mittel des französischen Außenministeriums und seiner Partner, um im Ausland reisenden oder lebenden Franzosen in Gefahrensituationen zur Hilfe zu kommen und den Bevölkerungen vor Ort auf Ersuchen der Behörden und in Absprache mit diesen beizustehen.

Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des Krisenzentrums haben wir den seit einem Jahr dort tätigen deutschen Austauschdiplomaten Erwin Ganzer interviewt.


1) Was genau ist ihr Posten und welche Aufgaben erfüllen Sie innerhalb des Krisen- und Unterstützungszentrums?

Im Krisenzentrum des französischen Außenministeriums (centre de crise et de soutien = CDCS) bin ich in der sogenannten Unité de soutien à la gestion de situations d‘ urgence (GSU) eingesetzt. Am passendsten könnte man dies mit Krisenunterstützungs- und -reaktionsteam übersetzen.

Die Einheit GSU koordiniert im Krisenfall, also z.B. bei einem Terroranschlag, die Einrichtung der Telefonhotline des französischen Außenministeriums für Bürgeranfragen und unterstützt logistisch die Organisation des Krisenstabs in Paris. Außerdem können bei Bedarf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Teams zur Unterstützung der französischen Auslandsvertretungen an den Krisenort entsandt werden. Im Vordergrund steht dann die Betreuung der Familienangehörigen der Opfer.

In Zeiten ohne akute Krisen bildet GSU die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Zentrale des Außenministeriums und an den französischen Auslandsvertretungen im Krisenmanagement aus. Diese Fortbildungen erfolgen sowohl von Paris aus als auch direkt vor Ort. So habe ich zum Beispiel kürzlich an einer Fortbildung an den französischen Botschaften in Jakarta und in Kuala Lumpur mitgewirkt.

Zusätzlich gehörte es auch zu meinen Aufgaben, für einen kurzen und direkten Draht zwischen dem CDCS in Paris und dem Krisenreaktionszentrum im Auswärtigen Amt in Berlin zu sorgen.

2) Wie lange dauert dieser Austausch?

Der Austausch mit dem französischen Außenministerium auf diesem Posten dauert ein Jahr. Anschließend werde ich noch weitere drei Jahre in Paris bleiben und an der Deutschen Botschaft arbeiten.

3) Inwiefern ist solch ein Austausch für Deutschland und Frankreich interessant?

Natürlich hat so einen Austausch ganz allgemein immer auch eine politische und historische Dimension. Zusätzlich trägt er durch die direkten persönlichen Kontakte dazu bei, sich besser kennenzulernen und einander noch besser zu verstehen.

Den Austausch zwischen den beiden Außenministerien gibt es schon seit sehr vielen Jahren. Die Dienstposten, an denen man eingesetzt wurde, haben sich im Laufe der Zeit gewandelt.

Wir sind im Moment vier Deutsche, die im Quai d’Orsay in Paris arbeiten. Genauso arbeiten immer auch französische Kolleginnen und Kollegen in Berlin im Auswärtigen Amt. Je nach Tätigkeit ist der Zeitraum unterschiedlich, in aller Regel werden die Austauschbeamten, so die offizielle Bezeichnung, anschließend auch an der Botschaft eingesetzt. Die im Quai d‘Orsay gewonnenen Kontakte und Kenntnisse sind dabei sehr hilfreich.

Den Austausch zwischen den beiden Krisenreaktionszentren gibt es noch nicht so lange. Die beiden damaligen Außenminister Ayrault und Steinmeier haben ihn vereinbart. Die Absicht war, eine noch engere Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Deutschland insbesondere in Krisensituationen sicherzustellen. Diese wurde leider sehr schnell traurige Realität: Die Vereinbarung wurde am Nachmittag des 13. November 2015 hier im CDCS unterzeichnet; anschließend sind beide Außenminister ins Stade de France gefahren, eigentlich um sich das Fußballländerspiel zwischen Frankreich und Deutschland anzuschauen. Sie erinnern sich, das war der Abend, an dem Paris von einer Anschlagsserie erschüttert wurde.

4) Unterscheidet sich die französische von der deutschen Arbeitsweise?

Diese Frage wird mir sehr häufig gestellt. Natürlich gibt es Unterschiede. Ein Sinn des Austausches ist es doch gerade, noch besser zusammenzuarbeiten. Daher ist aus meiner Sicht wichtig, dass man zuallererst die Gemeinsamkeiten, die gemeinsamen Interessen in den Vordergrund stellt.

Gerade im Krisenmanagement machen wir viele Dinge ähnlich, stehen vor denselben Herausforderungen und Aufgaben, haben dieselben Ziele, stimmen uns deswegen sehr häufig eng und vertrauensvoll untereinander ab. Dafür es ungemein wichtig, dass man weiß, wie die Dinge hier erledigt werden, wie etwa die Herangehensweise in Paris ist. Das kann man wiederum nur, wenn man wie in meinem Fall ganz nah dran ist, also regelmäßig und offen in die hiesigen Abläufe eingebunden ist.

5) Was waren Ihre Beweggründe für dieses Austauschprogramm und was konnten Sie davon mitnehmen?

An der Tätigkeit im Auswärtigen Amt hat mich von Anfang an gereizt, dass man im Laufe seines Berufslebens nicht nur immer wieder an neuen Orten weltweit, sondern häufig auch in ganz unterschiedlichen Bereichen eingesetzt wird, sich immer auf neue Lebens- und Arbeitssituationen einstellen muss. Das finde ich auch nach über 30 Berufsjahren noch sehr spannend. Die Position eines Austauschbeamten ist da noch eine ganz besondere Herausforderung und stellt insofern eine besonders reizvolle Aufgabe dar.

Für mich persönlich ist es ein besonderes Erlebnis. Nach wie vor empfinde ich es als großes Privileg, in einem anderen Außenministerium arbeiten zu dürfen. Ich habe sehr viel gelernt, über Paris, über Frankreich, über Außenpolitik und Krisenmanagement. Und meinem Französisch hat es auch sehr gut getan. Und wenn es ein ganz klein wenig zu einer noch engeren deutsch-französischen Zusammenarbeit beigetragen hat, umso schöner.

6) Was gefällt Ihnen, ganz allgemein gesehen, in Frankreich?

Da kann ich mich kurz fassen: Jeder der Frankreich kennt, wird nachvollziehen können, dass es etwas ganz Besonderes ist, mit seiner Familie in Paris leben zu dürfen. Ganz besonders genießen wir die vielen schönen Straßencafés und die wunderbaren Restaurants.

Fortbildung in der Französischen Botschaft in Kuala Lumpur. Quelle: Laurent Audoin (CDCS)