« Ein einzigartiger Einblick in die Raubkunst-Archive » : Veröffentlichung des Göring-Katalogs (30.09.15)

Anlässlich der Veröffentlichung des "Des Göring-Katalogs" von Jean-Marc Dreyfus im Flammarion-Verlag am 30. September 2015 einige Informationen von France Diplomatie zu diesem verlegerischen Ereignis :

Präsentation des Buchs "Der Göring-Katalog"

Bei dem unlängst aus dem Archiv des Quai d’Orsay geborgenen Göring-Katalog handelt es sich um ein einzigartiges Dokument, bestehend aus dem kompletten Verzeichnis der Gemälde aus der Sammlung der Nummer Zwei des Nazireichs in seiner Villa Carinhall in der Nähe von Berlin.

Göring ließ sich von Kunsthistorikern beraten und profitierte von seiner grenzenlosen Macht und seinem durch Judenverfolgung und -mord zusammengerafften enormen Vermögen, um seiner Leidenschaft für Kunst sowie seiner Vorliebe für westliche Malerei, bedeutende flämische Künstler des 17. Jahrhunderts, deutsche Maler des 16. Jahrhunderts sowie für klassische französische und italienische Kunst zu frönen.
Bei Kriegsende fanden amerikanische Truppen einen Teil dieser Kunstschätze wieder. Die französische Regierung bemühte sich daraufhin, die in Frankreich geraubten Werke zurückzuholen. Rose Valland, Konservatorin im Musée du Jeu de Paume, setzte sich neben den Monument Men unermüdlich für diese Recherche-Arbeiten ein.
Der Göring-Katalog erzählt anhand des Inventars der geraubten Kunstwerke die Geschichte des Aufbaus der Sammlung sowie die nach dem Krieg eingeleitete Suche nach den Eigentümern. Bis heute wurden noch nicht alle Eigentümer gefunden. Der Historiker Jean-Marc Dreyfus zeichnet die Recherchearbeiten nach, während die Mitarbeiter des Diplomatischen Archivs diesen erstaunlichen Katalog analysieren.
Bilder des Katalogs und der geraubten Kunstwerke

Vorwort von Laurent Fabius

Die im vorliegenden Catalogue Goering publizierten Dokumente sind nicht nur historisch von großem Interesse, sondern verfügen auch über eine außerordentliche Ausdruckskraft. Originalphotographien, handschriftliche Kommentare über die Qualität der Werke, Anmerkungen verschiedener Nazi-Größen zur Herkunft der Bilder: diese bisher unveröffentlichten Dokumente zeichnen auf besonders nachdrückliche Weise die Geschichte eines ebenso gigantischen wie abscheulichen Kunstraubs nach.
Görings Kunstsammlung war bereits Gegenstand verschiedener Publikationen, insbesondere in deutscher und englischer Sprache. Hier handelt es sich somit um das erste französische Werk zum Thema, das darüber hinaus zwei wesentliche Besonderheiten aufweist.

So werden sämtliche im Katalog enthaltenen Angaben und Photographien getreu wiedergegeben. Bei den Photographien handelt es sich um die zum Zeitpunkt der Sammlung entstandenen Originale. Darüber hinaus vermitteln die zahlreichen Detailinformationen eine präzise Vorstellung von der Provenienz der Werke - ob gestohlen, getauscht oder beschlagnahmt. Dank zahlreicher neuer Elemente ist das vorliegende Werk von beträchtlichem dokumentarischem Interesse und eröffnet zweifellos ganz neue Perspektiven auf die Periode und das Thema. Der Quai d’Orsay verfügt über umfangreiche Archive zum Thema Kunstraub im Zweiten Weltkrieg - bestehend aus Dokumenten, die in Deutschland bei Kriegsende von den französischen Stellen beschlagnahmt wurden. Dazu gehören auch zahlreiche Unterlagen zur Göring-Sammlung. Seit 2012 war es mir ein Anliegen, die Überarbeitung und Übersetzung dieses Katalogs voranzutreiben, um diesen zu veröffentlichen und somit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das im vorliegenden Werk übersetzte und komplett reproduzierte Manuskript wurde zwischen 1933 und 1944 abgefasst. Es verzeichnet 1 376 Gemälde, die von Göring entweder «legal» oder widerrechtlich erworben wurden. Das Inventar listet für jedes Kunstwerk den Titel und den Namen des Künstlers auf und beschreibt detailliert jedes Gemälde, seine Provenienz, die Umstände der Anschaffung, eventuelle Expertisen, den Aufbewahrungsort sowie die Index-Nummern.

Das Dokument wird durch zeitgenössische Photographien ergänzt.
Die Besessenheit, mit der Göring Kunst sammelte, ist historisch belegt. Den Grundstein zu seiner Sammlung legte er bereits vor 1939, konnte sie jedoch während des Kriegs durch seine Raubzüge im besetzten Europa (und insbesondere in Frankreich und den Niederlanden) rasch aufstocken. Das Inventar macht deutlich, dass seine Kunstsammlung bis in die letzten Monate des Jahres 1944 eines seiner Hauptanliegen war.

Bei den ersten zwei Werken, die der Katalog für 1933 aufführt, handelt es sich um zwei Gemälde italienischer Provenienz, die jedoch von Künstlern stammen, die in Deutschland bei Hofe tätig waren: eine Venus von Jacopo de’ Barbari, dem um 1445 in Venedig geborenen Hofmaler von Kaiser Maximilian I., und eine Diana und Callisto von Johann Rottenhammer, der für Kaiser Rudolf II. tätig war. Aus dem Inventar geht hervor, dass die Sammlung in den folgenden sechs Jahren dank Zukäufen und Geschenken zu Görings Geburtstagen beständig anwuchs.

Zu diesem Zeitpunkt wurde die Sammlung insbesondere um Werke der nordischen Malschule «bereichert»: mythologische und religiöse Motive, Landschaften, Stillleben sowie einige Porträts berühmter Persönlichkeiten der deutschen Geschichte, vom sächsischen Kurfürst Friedrich dem Weisen über den preußischen König Friedrich II. bis Bismarck - sowie ein Porträt von Hitler, ein Geschenk des Führers an Göring zu dessen Geburtstag am 12. Januar 1937. Diese erste Gruppe von Werken, die zunächst aus zwölf Cranach-Gemälden (Cranach der Ältere, Cranach der Jüngere und Cranach-Schule) bestand (später umfasste die Sammlung 57 Gemälde), symbolisierte Görings Willen, ein emblematisches Abbild dessen zu schaffen, was er als deutsche Identität ansah.

Das Jahr 1939 stellte einen Wendepunkt dar. Mit Kriegseintritt setzten die Nazi-Ideologen ihr Projekt um, alle seit dem XVI. Jahrhundert aus Deutschland «verbrachten» und über die ganze Welt verstreuten Werke zurückzuholen. Dieser groß angelegte Kunstraub stützte sich auf detaillierte Listen, die vom Direktor der staatlichen Museen, Otto Kümmel, zusammengestellt wurden. Bei der Besetzung der Niederlande eignete sich Göring mehrere Hunderte Werke an, insbesondere aus dem Besitz des jüdischen Kunsthändlers Jacques Goudstikker. Damit umfasste die Göring-Sammlung auch französische Kunst, da die flämischen und holländischen Meister des XVII. und XVIII. Jahrhunderts um französische Meister des XVIII. Jahrhunderts ergänzt wurden.

Nach dem Waffenstillstand am 22. Juni 1940 wurde der Kunstraub in der besetzten Zone dem ERR («Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg für die Besetzten Gebiete») unterstellt, der vom III. Reich für die systematische Plünderung kultureller Güter in den besetzten Ländern eingesetzt wurde. Paris als weltweit bedeutender Kunstmarkt galt das besondere Interesse des ERR. Die Werke aus Privatsammlungen von jüdischen Familien, Freimaurern und politischen Gegnern wurden geraubt oder zwangsverkauft - zugunsten der persönlichen Sammlungen von Hitler und Göring sowie von Museen und anderen Institutionen des Reichs oder aber zwecks Weiterverkaufs oder als Tauschobjekt für andere Ankäufe. Göring, der im Juli 1940 zum Reichsmarschall ernannt wurde, unternahm zahlreiche Reisen nach Paris, um in von seinen Helfershelfern (insbesondere dem Kunsthändler Bruno Lohse) speziell organisierten Ausstellungen seine Auswahl zu treffen. Auf diese Weise eignete er sich fast 600 Gemälde an. Dank der zahlreichen französischen Maler des XVIII. bis XX. Jahrhunderts verlor die Sammlung ihren rein «germanischen» Charakter.
Die im nationalistischen Geiste aufgebaute Göring-Sammlung sollte die Reinheit und Größe einer deutschen Kunst verherrlichen, die angeblich unempfänglich für äußere Einflüsse ist. In Wirklichkeit ähnelt sie einer abscheulichen Jagdtrophäe, die aus dem niederträchtigen Raub europäischer Kunstschätze rührt. Kunstwerke dürfen niemals Beutestücke sein. Sie sind das gemeinsame Gut der Menschheit. Diese zeitlose Wahrheit wird durch die Veröffentlichung dieses Werks erneut bekräftigt.

Laurent Fabius, Minister für auswärtige Angelegenheiten und internationale Entwicklung