Handschlag zwischen François Mitterrand und Helmut Kohl: Die Kulissen eines historischen Fotos

Seit 1982 als Fotograf des französischen Außenministeriums beschäftigt, hat Frédéric de la Mure über 140 Länder bereist. Und welches Foto hat ihn in der Öffentlichkeit bekannt gemacht? Der Handschlag zwischen dem Präsidenten François Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl, in Verdun, am 22. September 1984.

Frédéric de la Mure erklärt uns, unter welchem Umständen er diesen historischen Moment festhalten konnte.

Frédéric de la Mure, können Sie uns den Kontext in Erinnerung rufen, in dem diese Aufnahme entstanden ist?

Es war im Jahr 1984, dem Jahr des 40. Jubiläums der Landung in der Normandie. Deutschland war zu den Feierlichkeiten nicht eingeladen worden, und es wurde beschlossen, hinterher eine rein deutsch-französische Gedenkfeier zu organisieren. Verdun wurde als Veranstaltungsort für diese Feierlichkeiten ausgesucht.

Waren Sie an diesem Tag der einzige Fotograf vor Ort in Verdun?

Die Journalisten und Fotografen wurden ein paar Tage vor der Feier in den Elysée-Palast bestellt, um ihre jeweiligen Standorte auszusuchen. Ich kam von einer Reportage. war deshalb zu spät dran, und so wurden mir und einem anderen Kollegen von der Presseabteilung „die schlechtesten Plätze“ zugewiesen, sprich vor den Särgen der Soldaten, die in die deutsche und die französische Fahne gehüllt waren, gegenüber von den hohen Besuchern.

Die anderen Fotografen hatten sich Plätze zwischen den Gräbern ausgesucht, um das Bild der beiden Staatschefs festhalten zu können, wie sie an den Gräbern entlangschritten, um eine Vorstellung des Desasters darzustellen, das Verdun gewesen war. Wenn ich die Wahl gehabt hätte, hätte ich ebenso entschieden. Das berühmte Handschlagfoto, ein Zufallsprodukt, wäre also fast gar nicht entstanden!

Was geschah für Sie im Augenblick dieser historischen Aufnahme?

Es nieselte an diesem Tag, die Atmosphäre war schwermütig. Ich war natürlich überrascht von diesem Handschlag zwischen François Mitterrand und Helmut Kohl. Ich konnte das aber nicht gleich analysieren. Ich habe diesen Moment durch den Filter meines Fotoapparats erlebt. Zunächst war mir nicht bewusst, dass ich ein historisches Foto machte.

Sich die Hand zu geben ist natürlich eine brüderliche Geste, aber eine sehr häufige. Ich glaube, dass die Kraft dieses Bildes daher rührt, dass es es vor lebenden Menschen aufgenommen wurde, vor mehreren hundert Gästen, darunter Angehörige der deutschen und französischen Streitkräfte, gemischt im Publikum verteilt – aber auch vor Tausenden von Toten.

Wer hat die Initiative für diese starke Geste ergriffen, Präsident Mitterrand oder Bundeskanzler Kohl ?

Als ich meinen Kontakabzug betrachtet habe, wurde mir klar, dass man nicht sehen kann, von wem die Geste ausging. Die Feier wurde von einem einzigen Fernsehkamerateam gefilmt, und zum Zeitpunkt des Handschlags hat der Kameramann zu den anwesenden Soldaten hinübergeschwenkt. Es gibt also keine Videoaufnahme des Anfangs dieses Handschlags! Die Geste war jedoch offensichtlich spontan.

Wann wurde Ihnen klar, dass diese Aufnahme ein historisches Bild werden würde?

Das habe ich recht schnell begriffen. Das Foto erscheint auch heute noch häufig, selbst dreißig Jahre später.

Ein paar Jahre später, 1992, wurde ich für die Ausstellung „Officiels, officieux - Instantanés diplomatiques“ befragt, die in der Grande Arche de la Défense einige meiner Fotos aus der ganzen Welt versammelte, und es ergab sich fast von selbst, dass wir das Interview vor dem Foto des Handschlags von Verdun durchgeführt haben. Eine ältere Dame, sehr gerührt, besuchte zu diesem Zeitpunkt die Ausstellung. Sie kam auf uns zu und sagte uns im Vertrauen: „Für mich ist dieses Foto das Ende des Kriegs „.

Das Gespräch fand am 27. Januar 2015 statt