Der Waffenstillstand vom 11. November 1918 aus Sicht des Quai d’Orsay (Diplomatisches Archiv)

Wie erlebten die französischen Diplomaten im französischen Außenministerium und in aller Welt die Unterzeichnung des Waffenstillstandsübereinkommens vom 11. November 1918 und wie erfuhren sie davon? Auf welche Weise trug die französische Diplomatie, die von Natur aus bei den von Marschall Ferdinand Foch geführten Waffenstillstandsverhandlungen nicht im Vordergrund stand, dazu bei, die Behörden der Alliierten zu informieren und deren Reaktionen einzuholen?

Diese wichtigen Ereignisse unserer Zeitgeschichte lassen sich dank im Diplomatischen Archiv aufbewahrter Dokumente anhand von Bildern veranschaulichen.

11. November 1918 – ein im Wesentlichen durch die militärische Führung ausgehandeltes Waffenstillstandsübereinkommen

Illust: Signature de l'Armis, 129.9 kB, 800x545
Signature de l’Armistice à Rethondes
Illustration de Maurice Pillard Verneuil

Die Unterzeichnung des Waffenstillstands am 11. November 1918 in Rethondes im Wald von Compiègne folgte – nach dem Waffenstillstand mit Bulgarien, mit dem Osmanischen Reich und mit Österreich-Ungarn – unmittelbar auf den am 7. November 1918 vom deutschen Reichskanzler Max von Baden geäußerten Wunsch nach Einstellung der Kampfhandlungen und auf die am 9. November erfolgte Abdankung Kaiser Wilhelms II., den die Alliierten für den Ersten Weltkrieg verantwortlich machten. In Deutschland brach daraufhin die Novemberrevolution aus, die auf Seiten der französischen und britischen Behörden zu Besorgnis führte (Furcht vor dem Unbekannten, bolschewistische Bedrohung in Deutschland).

Ein Waffenstillstandsabkommen unterscheidet sich grundsätzlich von einem Friedensvertrag. Ersteres wird von den Militärbehörden – die einer Regierung unterstehen, die ihnen auftragen kann, gewisse nichtmilitärische Bedingungen in die Vereinbarung aufzunehmen – ausgehandelt und zielt auf eine sofortige Einstellung der Kampfhandlungen ab. Ein Friedensvertrag wiederum wird durch eine zivile Regierung ausgehandelt. Er legt die Bedingungen für den Frieden sowie die Grundlagen für eine neue internationale Ordnung fest. In dieser Hinsicht wurde die französische Diplomatie zum Zeitpunkt der Unterzeichnung des Waffenstillstands unter der Führung von Marschall Foch nicht direkt tätig. Auch der Einmarsch französischer Truppen in Elsass-Lothringen (17. bis 22. November 1918) war eine militärische Maßnahme (General Gouraud).

Am 18. Januar 1919 rückte die französische Diplomatie wieder in den Vordergrund, als im Außenministerium unter Ministerpräsident Georges Clemenceau und in Anwesenheit des bereits am 13. Dezember, also mehr als einen Monat zuvor, in Brest eingetroffenen US-Präsidenten Woodrow Wilson die Pariser Friedenskonferenz begann.

Die Diplomatie wird tätig, um die Behörden der Alliierten zu informieren und ihre Reaktionen einzuholen

Als der Waffenstillstand unterzeichnet wurde, standen die Diplomaten im Außenministerium und in aller Welt mit den Behörden der Alliierten in Verbindung. Aus mehreren im Diplomatischen Archiv aufbewahrten Dokumenten vom 9., 10. und 11. November wird ersichtlich, wie besorgt sie und die britischen, aber auch die deutschen Behörden waren.

Die Konferenz, im Laufe derer der US-Präsident mehrere seiner im Januar 1918 bekanntgegebenen 14 Punkte umsetzte, führte u. a. zu den Friedensverträgen von Versailles (zwischen Deutschland und den Alliierten, 28. Juni 1919), von Saint-Germain (zwischen Österreich und den Alliierten, 10. September 1919), von Neuilly (zwischen Bulgarien und den Alliierten, 27. November 1919), von Trianon (zwischen Ungarn und den Alliierten, 4. Juni 1920) und Sèvres (über das ehemalige Osmanische Reich, 10. August 1920, 1923 revidiert durch den Vertrag von Lausanne).

100 Jahre später gedenken Frankreich und Deutschland gemeinsam des Endes des Ersten Weltkriegs, was durch die Anwesenheit von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an der Seite von Emmanuel Macron am 4. November 2018 im Münster zu Straßburg, „Hauptstadt Europas“ und Symbol der deutsch-französischen Aussöhnung sowie durch die Teilnahme von Bundeskanzlerin Angela Merkel an den Feierlichkeiten am 10. und 11. November 2018 bestätigt wird. Die Lehren, die man aus den zwei Weltkriegen des 20. Jahrhunderts zog, veranlassten beide Völker, das französische und das deutsche, zu einer Aussöhnung, welche den Antrieb, die Grundlage für die europäische Einigung darstellt.

Deutsche Kapitulation: Notizen von Referent Georges Mandel, diktiert von Georges Clemenceau, Ministerpräsident und Kriegsminister (9. November 1918):

  • Clemenceau ist sich ziemlich sicher, dass die Deutschen den Waffenstillstand akzeptieren werden.
  • Erwähnung der deutschen Forderung nach Bewahrung einer Armee und von Maschinengewehren für den Kampf gegen den Bolschewismus sowie einer Handelsflotte für die Verhinderung von Hungersnöten.
  • Clemenceaus Fazit: Die derzeitige Lage in Deutschland ist für uns mit Unwägbarkeiten verbunden.
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Reddition allemande : notes prises par Georges Mandel, son chef de cabinet, sous la dictée de Georges Clemenceau, président du conseil et ministre de la guerre (9 nov. 1918)

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Reddition allemande : notes prises par Georges Mandel, son chef de cabinet, sous la dictée de Georges Clemenceau, président du conseil et ministre de la guerre (9 nov. 1918)

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Reddition allemande : notes prises par Georges Mandel, son chef de cabinet, sous la dictée de Georges Clemenceau, président du conseil et ministre de la guerre (9 nov. 1918)

Depesche von Clemenceau an seine britischen und italienischen Amtskollegen, David Lloyd George und Vittorio Emanuele Orlando, weitergeleitet an den Berater von Präsident Wilson (Edward Mandell House) und an die Behörden des Königreichs Belgien, abgeschickt durch den französischen Minister für auswärtige Angelegenheiten, Stephen Pichon (10. November 1918):

  • Clemenceau erwähnt die Konsequenzen der Revolution in Deutschland im Rahmen der Anwendung der Waffenstillstandsbedingungen.
  • Die Deutsche Flotte droht in die Hände der Aufständischen zu gelangen.
  • Clemenceau befürchtet, dass Deutschland „die deutschen Provinzen Österreichs durch einen Aufruf zur Teilnahme an der Abstimmung“ über das neue republikanische System „faktisch annektiert“.
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George Clemenceau, David Lloyd-George et Vittorio Emanuele Orlando

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Télégramme diplomatique de Clemenceau à ses homologues britannique et italien, Lloyd George et Vittorio Emanuele Orlando (10 nov. 1918)

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Télégramme diplomatique de Clemenceau à ses homologues britannique et italien, Lloyd George et Vittorio Emanuele Orlando (10 nov. 1918)

Verschlüsselter Text von Clemenceau, der die Anweisungen des Reichskanzlers an die deutsche Delegation zur Unterzeichnung des Waffenstillstands wiedergibt (10. November 1918):

  • Die deutsche Delegation hat aus Berlin den Befehl erhalten, die Waffenstillstandsbedingungen zu akzeptieren.
  • „Darauf hinweisen, dass die Anwendung bestimmter Punkte [der Waffenstillstandsbedingungen] in der Bevölkerung in dem Teil Deutschlands, der nicht besetzt werden soll, eine Hungersnot herbeiführen könnte.“
  • Clemenceau ist der Meinung, dass die Frage der Versorgung später erörtert werden soll.
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Texte chiffré émanant de Clemenceau, reprenant les instructions reçues du chancelier du Reich par les plénipotentiaires allemands pour signer le texte d’armistice (10 nov. 1918)

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Texte chiffré émanant de Clemenceau, reprenant les instructions reçues du chancelier du Reich par les plénipotentiaires allemands pour signer le texte d’armistice (10 nov. 1918)

Erklärung von Clemenceau in der Abgeordnetenkammer (11. November 1918): :

  • „Das französische Staatsgebiet wurde mit Waffengewalt befreit.“
  • „Schließen wir uns zusammen, um die Rückkehr Elsass-Lothringens ins gemeinsame Vaterland zu begrüßen.“
  • „Ewiger Dank den Gefallenen (…) deren ruhmreiches Opfer (…) seinen Lohn im Sieg findet.“
«„Wir müssen im Frieden die Eigenschaften entwickeln, die wir im Krieg an den Tag gelegt haben, damit Frankreich ein guter Soldat der Menschheit ist und bleibt.“»

Depesche nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands an die französischen Diplomaten in aller Welt (11. November 1918): :

  • Der von Deutschland erbetene Waffenstillstand wurde unterzeichnet.
  • Der Minister für auswärtige Angelegenheiten wird den Text im Senat verlesen (und der Ministerpräsident wird ihn in der Abgeordnetenkammer verlesen).
  • Landesweite Freude.

Telegramm des französischen Botschafters in London, Paul Cambon (12. November 1918):

  • Dem britischen Premierminister ist an einer Versorgung Deutschlands mit Lebensmitteln gelegen.
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    Télégramme de l’Ambassadeur de France à Londres, Paul Cambon (12 nov. 1918)

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    Télégramme de l’Ambassadeur de France à Londres, Paul Cambon (12 nov. 1918)