Rede von Peter Cleiß, dem Schulleiter der Beruflichen Schulen Kehl anlässlich der Adenauer-de Gaulle Preisverleihung am 6.11.2017 in Berlin

Der Adenauer-de Gaulle–Preis 2017 : Berufliche Schulen Kehl :
https://www.diplomatie.gouv.fr/de/neuigkeiten/article/der-adenauer-de-gaulle-preis-2017-berufliche-schulen-kehl-06-11-17

Die Rede von Schulleiter:

Sehr geehrter Frau Ministerin, sehr geehrter Herr Staatsminister, nach all diesen lobenden Worten von ihnen bin ich jetzt einigermaßen verunsichert: wenn man aus Kehl nach Berlin anreist, dann in diesem Saal sitzt, bei so einem Anlass und bekommt solche Worte zu hören, wie die eben von Ihnen gesagten, dann fragt man sich: stimmt das - sind wir das wirklich? Aber ich habe mich entschlossen, nicht weiter darüber nachzudenken, wir nehmen es einfach so, was sie gesagt haben.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Ihnen beiden, ich bedanke mich bei den Mitgliedern der Jury, sowohl den Anwesenden und natürlich auch jenen, die heute nicht anwesend sein können. Ich bedanke mich herzlich bei denjenigen, die durch ihr Engagement an anderer Stelle ebenfalls das Thema deutsch-französische Freundschaft mit unterstützt haben, die ebenfalls Kandidat waren für diesen Preis und die durch ihren Beitrag letztendlich mitgeholfen haben, die deutsch-französische Sache wichtig zu machen, eine Sache, die uns in Kehl sehr wichtig ist.

Die Beruflichen Schulen Kehl tragen die deutsch-französische Freundschaft gewissermaßen in ihrer DNA. Wir haben aufgrund der Geschichte und aufgrund der geographischen Lage von Kehl, seit den frühen achtziger Jahren an unserer Schule fest vereinbarte Kooperationen mit Schulen im Elsass. Die ersten Kooperationen wurden mit zwei beruflichen Schulen in Saverne geschlossen, unweit von Kehl gelegen. Wenn ich sage, seit den achtziger Jahren, dann schließt dies mit ein, dass immer wieder neue Kontakte geknüpft wurden, manch alte eingeschlafen sind, aber an der Schule nie infrage stand, dass wir in dieser Richtung weitergehen müssen.

Jetzt bekommen wir heute den „Adenauer – de Gaulle-Preis“ und wir verstehen diesen Preis als eine Auszeichnung, die die deutsch-französische Kooperationsarbeit der ganzen zurückliegenden Jahre betrifft. Alles, was in dieser Zeit geschehen ist, unter meinen Vorgängern, unter Mithilfe auch ehemaliger Kolleginnen und Kollegen, die im Laufe der Jahre in Kehl gearbeitet haben, erfährt durch diesen Preis Würdigung und Belohnung.

Ich möchte Ihnen in wenigen Stichworten sagen, was genau wir tun – ganz praktisch. Sie, Herr Minister, hatten vorhin ausgeführt, Europa falle dem akademischen Milieu nicht schwer. Das ist auch unsere Beobachtung. Junge Menschen die dagegen in der Ausbildung stehen, tun sich ungleich schwerer. Also - was tun wir als Berufliche Schule? Wir holen das Thema Europa herunter auf niedrigere Stufen. Wir schaffen Begegnungen für junge Menschen, die von sich aus diese Begegnung nicht suchen und deren Eltern sie nicht von früh an für einen Auslandsaufenthalt motivieren . Wir fahren zum Beispiel mit unseren Schülern und Auszubildenden mit dem Bus, seit kurzer Zeit mit der Tram, von Kehl nach Straßburg und lassen sie das Tram-Ticket selbst lösen. Das ist kein großer Akt, könnten Sie sagen, aber wenn ich Herrn Seidendorf vom Ludwigsburger deutsch-französischen Institut richtig verstanden habe, scheiterte vor einigen Jahren genau an der Unfähigkeit, beim Grenzübertritt ein Ticket im Nachbarland zu lösen, der Versuch, junge Franzosen zu einem Vorstellungsgespräch bei einem Arbeitgeber in Deutschland zu bringen. Wir lösen mit ihnen Tram-Tickets.

Wir wissen, dass junge Menschen in Kehl und in Straßburg die Sprache des Nachbarn nicht sprechen, aber wir halten diese Tatsache nicht für das ursächliche Problem. Wir sind vielmehr der Meinung, dass das Problem viel früher anfängt. Die jungen Menschen haben keine Antwort auf die Frage: Warum soll ich Französisch respektive Deutsch lernen?

Die Menschen in der Region haben sich an die Grenze gewöhnt, sie haben die Grenze hingenommen. Wenn sie jedoch mit Google Maps von weit aus dem Weltall in Richtung Kehl und Straßburg herunter zoomen, sehen sie ganz lange gar keine Grenze. Es gibt keine Grenze. Es gibt nur etwas, was wir machen. Wir machen die Grenze. Wir machen sie ganz praktisch, indem wir Hemmnisse aufbauen, indem wir Spracherwerb direkt am Rhein separieren - auf der einen Seite Französisch, auf der anderen Seite Deutsch-, indem kulturelle Verschiedenheiten gelebt werden, und und und…

An den Beruflichen Schulen Kehl versuchen wir, diese Grenzen abzubauen. Wir lernen mit jungen Deutschen nicht einfach Französisch, sondern wir gehen mit Ihnen zuerst einmal in Straßburg dorthin, wo sie aufgrund ihrer eigenen Interessen sowieso gerne hingehen würden. Zum Beispiel zu einem Basketballspiel der SIG in der Europaleague. Kaum einer unserer Schüler und Auszubildenden hatte zuvor gewusst, dass man so nah von Kehl aus so hochklassigen Sport miterleben kann. Wir gehen zu einem Heimspiel von Racing Strasbourg und kucken Erstliga-Fußball und junge Ortenauer können ein Fußball-event erleben, das es in der Ortenau nicht gibt. Wir gehen mit jungen Menschen in die Einkaufsmeilen in Straßburg – Rivetoile und Les Halles - und zeigen Ihnen: Da findet ihr was ihr sucht, was ihr gerne habt. Ihr müsst dafür nicht erst 2 Stunden nach Stuttgart oder Frankfurt fahren. Wir gehen mit jungen Menschen nach Straßburg, und ich hoffe ich trete jetzt niemanden auf die Füße, wenn ich das sage, und zeigen Ihnen, dass es in Straßburg einen Apple Shop gibt.

Mit anderen Worten: Wir tun nichts anderes, als unseren Schülern und Auszubildenden deutlich zu machen, „all das, was ihr als Interesse habt, findet ihr ganz nah, ihr müsst nur über den Rhein gehen, wenige hundert Meter“.

Und wir machen mit den jungen Franzosen genau das Gleiche umgekehrt. Wir fahren mit ihnen auf den Meliskopf in den nahen Schwarzwald und dort finden sie eine Wintersport- oder Sommersportmöglichkeit, wie es sie in den Vogesen zwar auch gibt, aber etwas weiter weg von Straßburg. Wir fahren mit ihnen in den Europapark nach Rust, da müssen wir gar nicht lange bitten, da kommen sie alle gerne mit. Das heißt, wir greifen sie an ihrem Gefühl, ihrem Herzen. Wir schaffen eine Motivation. Wir tun schon ein bisschen das, was Sie, Herr Minister, gerade vorhin angesprochen haben: Wir versuchen, Interesse – Sie haben von Liebe gesprochen - Liebe zu wecken in der Überzeugung, dass nachfolgend das Interesse, die Sprache zu erwerben, wachsen wird.

Erlauben Sie mir eine Nebenbemerkung: Vor vielen Jahren, bevor der Rhein begradigt war, gab es viele deutsch-französische Ehen über den Rhein hinweg. Dann hat Tulla den Rhein begradigt, die Inseln im Rhein sind verschwunden. Die Jugend, die sich bis dahin im Sommer, jeweils von beiden Seiten kommend, auf diesen Rheininseln unbeobachtet treffen konnte und, wie die Geschichte zeigt, sich schließlich heiratete, hatte diese Möglichkeiten des Kennenlernens nicht mehr. Tulla hat mit dem Rhein auch die Rheinübergreifenden Ehen begradigt. Wir schaffen neue Inseln.

Wenn ich all dies sage, wissen Sie, dass es dazu Partner braucht. Dieser Preis, den wir hier heute in Empfang nehmen dürfen, den wir mit Riesenstolz mit zurück in die Heimat nehmen, diesen Preis konnten wir nur bekommen, weil wir auf der anderen Rheinseite starke, engagierte Partner haben. Ich will nicht alle Partner-Einrichtungen und Partner-Schulen nennen, aber Sie wissen natürlich: Wenn die andere Seite nicht mitmacht, dann geht es nicht. Wir hatten in der Stadt Straßburg, bei der Region Alsace beziehungsweise Grand Est, bei der Akademie Straßburg, im Rektorat, bei unterschiedlichen französischen Schulen immer ein offenes Ohr gefunden. Ich möchte deshalb die Gelegenheit nutzen, um an dieser Stelle ausdrücklich einen Dank an all unsere Unterstützer und Partner auszusprechen, und ich bitte Sie, Madame Rafik-Elmrini, diesen Dank mit zurückzunehmen nach Straßburg und an diejenigen weiterzuleiten, denen er gebührt.

Das mit diesem Preis ausgezeichnete Engagement braucht bei einer beruflichen Schule selbstverständlich den Rückhalt und die Unterstützung der Betriebe. Heute Abend hätte hier an meiner Stelle auch ein junger Auszubildender unserer Schule sprechen können. Pierre Kurtz, Franzose aus dem nahen Elsass, hat vor drei Jahren an unserer Schule und bei unserem Partnerbetrieb, den Badischen Stahlwerken in Kehl, eine Ausbildung im Bereich Metalltechnik angefangen. Drei Jahre später hat er einen Abschluss gemacht, mit dem er nicht nur Bester unserer Schule war, und auch nicht nur der Beste in Baden-Württemberg. Er hat den besten Abschluss in ganz Deutschland gemacht! Ein junger Franzose, dessen Großeltern zwar noch Elsässisch sprachen, der selbst aber bis zu diesem Zeitpunkt immer nur französisch gesprochen hatte, hat nach drei Jahren an unserer Schule und in den Badischen Stahlwerken diesen hervorragenden Abschluss gemacht. Dieses Beispiel zeigt, was möglich ist.

Sie, Madame le Ministre, haben erwähnt, dass wir an unserer Schule auch mit Flüchtlingen arbeiten und dass auch dies bei der Auswahl des Preisträgers eine Rolle gespielt habe. Ja, es ist richtig, die Beruflichen Schulen Kehl verstehen ihre grenzüberschreitende Arbeit auch als Beitrag, die Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich und den Fachkräftemangel in Deutschland so miteinander in Verbindung zu bringen, dass das eine dem anderen guttut. Aber wir wissen sehr wohl, dass diese Lage sich jederzeit ändern kann. Was uns eigentlich umtreibt, ist die Frage: Was können wir heute tun, um einen Beitrag zur Friedenssicherung auch für unsere Kinder und unsere Enkelkinder zu leisten? Und wer Friedenssicherung betreiben will, wer Friedenserziehung machen will, wer Menschen zu Menschenfreunden machen will, der kann keinen Unterschied machen zwischen Deutschen, Franzosen, Syrern, Iranern, Afghanen. Insofern ist unsere Arbeit mit den Flüchtlingen die logische Konsequenz aus einer Haltung, die Sie auch in unserem Bestreben, die deutsch-französische Zusammenarbeit zu befördern finden. Der Ortenaukreis hat zeitweilig bis zu 150 Flüchtlinge in einem unserer Schulgebäude untergebracht. Sie leben bei uns auf dem Schulcampus. Wir unterrichten knapp 80 Flüchtlinge in unterschiedlichen Klassen. Und jetzt komme ich - so ein bisschen in die Zukunft nach vorne blickend - auf den damit verbundenen Gewinn für uns zu sprechen. Wir lernen in der Arbeit mit den Flüchtlingen etwas, das uns für die Arbeit mit jungen Franzosen hilft. Wir lernen, wie ein junger Mensch schnell und gut so viel an Sprache erwerben und so viel an interkultureller Kompetenz erwerben kann, dass er hier in Deutschland auf eigenen Beinen stehen kann.

Ich komme zum Schluss: all dies können wir tun, weil unser Schulträger, der Ortenaukreis auf der einen Seite, und die staatliche Schulaufsicht, das Kultusministerium in Stuttgart und das Regierungspräsidium in Freiburg andererseits, uns auf diesem bisherigen Weg begleitet hat und uns die nötigen Spielräume gab. Dafür sind wir außerordentlich dankbar. Aber so sehr wir uns heute über den Adenauer – de Gaulle Preis als Anerkennung für Geleistetes freuen, so sehr sehen wir in diesem Preis auch eine Verpflichtung für die Zukunft, und in diese Verpflichtung möchte ich gerne die Schulaufsicht und den Schulträger mit hineinnehmen. Meine Bitte, die ich bewusst an dieser Stelle ausspreche lautet: unterstützen Sie uns weiter! Geben Sie uns weiter die Möglichkeiten im Sinne des mit dem Preis gewürdigten Engagement zu arbeiten. Dann haben wir noch weitergehende Projekte auf Lager.

Ich möchte drei nennen:
Wir sind in der Lage, mit den Flüchtlingen in sogenannten VABO Klassen [ = Vorqualifizierungsjahr Arbeit und Beruf für Jugendliche ohne Deutschkenntnisse] zu arbeiten und sie auf das Berufsleben in Deutschland vorzubereiten. Mir kann kein Mensch erzählen, dass wir das mit jungen Franzosen nicht auch machen können. Wir wünschen uns an unserer Schule den Spielraum, junge Franzosen zu uns an die Schule holen zu können und sie schwerpunktmäßig in Sprache und interkultureller Kompetenz ausbilden zu dürfen. Es wäre eine große Hilfe für diese von Arbeitslosigkeit bedrohten jungen Menschen, es wäre eine Hilfe für unsere von Fachkräftemangel bedrohten Betriebe und es wäre ein weiteres Band, das uns grenzüberschreitend verbindet.

Ein zweiter Punkt: Wir wissen, dass der Praxistest letztlich alles entscheidet. Die Wahrheit liegt auf dem Feld, sagen die Fußballer. Wir wären in der Lage im Straßburger Stadtviertel ‚Port du Rhin‘, das direkt an der Grenze zu Deutschland liegt, eine deutsch-französische Schülerfirma aufzubauen. Wir haben dafür einen Partner, die école de la deuxième chance. Das hieße konkret: Schüler unserer Schule und junge Menschen dieser école de la deuxième chance führen gemeinsam unter Begleitung von Lehrkräften eine Firma, und machen dabei all die Erfahrung, die Ihnen helfen werden, wenn sie später tatsächlich im Berufsleben stehen. Um diese Idee zu realisieren, brauchen wir die Erlaubnis und Unterstützung.

Dritter und letzter Punkt: Wir wollen nicht nur vor uns hin rudern, wir brauchen auch eine Vision die weiter trägt und wir haben diese Vision. In Kehl/Strasbourg gibt es eine deutsch-französische „crèche“ für die ganz Kleinen, in Baden-Württemberg, im Elsass und darüber hinaus gibt es eine deutsch-französische Hochschule. Aber es gibt nichts Vergleichbares für die Auszubildenden. Wir wollen eine deutsch-französische Berufsschule.

Und jetzt komme ich zurück zum Dank für den Preis. Bei diesen Wünschen, die wir haben, kann uns der Adenauer – de Gaulle-Preis nur helfen. Auch deshalb sind wir Ihnen, sehr geehrte Frau Ministerin, sehr geehrter Herr Minister und meine sehr geehrten Damen und Herren der Jury für ihre Entscheidung außerordentlich dankbar.

Vielen Dank!