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Ein Eintauchen in das Herz der weiblichen Macht im 18. Jahrhundert in Begleitung von Elisabeth Badinter

Zum Anlass des Internationalen Frauentags gewährt das Ministerium für auswärtige Angelegenheiten und internationale Entwicklung über eine Reihe an Frauenporträts Einblicke in die historische Entwicklung der Rolle der Frauen in der europäischen und französischen Diplomatie vom 18. Jahrhundert bis heute.

Damals war es Frauen verboten, als offizielle Botschafterinnen eines Staats zu fungieren. Dies hielt sie jedoch nicht davon ab, in diplomatischen Verhandlungen mitzumischen, sei es im offiziellen Rahmen, wie die Herrscherin Maria Theresia von Österreich, oder privater über Freunde und Familie.

Anlässlich des Erscheinens ihres Werkes „Maria Theresia: Die Macht der Frau“ enthüllt uns Elisabeth Badinter diese Kaiserin als bedeutende weibliche Persönlichkeit des europäischen Diplomatenkreises. Inwiefern prägte Maria Theresia die Geschichte der Frauen der Macht?

Woher stammt die Grundvorstellung, dass Frauen nicht das Recht haben, zu regieren?

Der Gedanke, dass Frauen nicht regieren können, stand damals in Verbindung mit ihrem „niedrigeren“ intellektuellen und körperlichen Status. Sie galten als schwächer und ihre Hauptfunktion war das Kinderkriegen, ganz besonders männliche Nachkommen in den Herrscherfamilien. Diese Vorstellung stammt einerseits aus der Bibel – der Mann soll im Schweiße seines Angesichtes arbeiten und die Frau mit Schmerzen Kinder gebären – und andererseits aus der griechischen Philosophie, insbesondere der aristotelischen, in der es heißt, dass der Mann die Intelligenz verkörpert und die Frau die Materie.

Welche Rolle spielt somit die „Pragmatische Sanktion“ für den Umsturz dieser ursprünglichen Illegitimität?

In Ermangelung von Enkelsöhnen ließ Kaiser Leopold I. das Gesetz der Thronfolge ändern, damit die Töchter seines ältesten Sohnes Joseph I. regieren konnten. Durch diese Handlung ließ er die weibliche Erbfolge zu. Karl VI., der jüngere Sohn, verriet diesen Eid später, indem er die „Pragmatische Sanktion“ erließ, anhand derer er seine eigenen Töchter zum Nachteil der Töchter seines Bruders als Thronfolgerinnen durchsetzen konnte. Auch wenn Maria Theresia von Rechts wegen zum Regieren bestimmt war, so war sie dies in Wirklichkeit nicht, da Karl VI. stets hoffte, einen Sohn zu bekommen. Ferner wurde Maria Theresia nicht zum Regieren erzogen: Sie erhielt eine Bildung für Prinzessinnen, welche Künste, Sprachen, Theologie und antike Geschichte kennen. Karl VI. wünschte somit, dass seine älteste Tochter regieren kann, aber ohne sie darauf vorzubereiten.

Warum gilt das 18. Jahrhundert als feministischstes Jahrhundert vor dem 20. Jahrhundert?

Im 18. Jahrhundert wurden Frauen Mathematikerinnen, Astronominnen oder Physikerinnen. Andere befanden sich im Herzen des intellektuellen und sozialen Lebens. Dieser Aufstieg der Frauen lässt sich in mehreren europäischen Ländern von England über Frankreich bis nach Italien beobachten. Er betraf jedoch weder Österreich noch Preußen, wo die Frau eine traditionellere Stellung beibehielt. Weiterhin war dieses Phänomen auf die bessergestellten Gesellschaftsschichten begrenzt. Emilie du Châtelet beklagte sich bitter, dass einzig der Bereich des Wissens den Frauen überlassen sei und nicht die Macht.

Warum haben Sie Maria Theresia zwischen all den Frauen der Macht des 18. Jahrhunderts ausgewählt?

Maria Theresia erscheint wie ein Einzelfall: Sie war eine absolute Herrscherin, ohne auf ihren Status als Ehefrau und Mutter zu verzichten. Die anderen Frauen der Macht waren nicht mit dieser dreifachen Herausforderung konfrontiert. Elisabeth I. sowie Katharina II. lebten und regierten wie Männer: Für sie gab es keinen Handel zwischen der Mutterliebe, der Liebe für einen Mann und der Aufgabe der Macht. Frauen, die gleichzeitig Regentin und Mutter waren, mussten ihre Macht aufgeben, sobald ihre Söhne alt genug zum Regieren waren. Schließlich hatte eine Königin, wie Victoria des Vereinigten Königreiches, nie die absolute Macht, sondern besaß diese nur repräsentativ. Das Regieren übernahm der Premierminister. In diesem Kontext prägte Maria Theresia die Geschichte der Frauen, da sie vierzig Jahre lang absolut über eines der größten Reiche Europas herrschte und gleichwohl einer Situation ausgesetzt war, die den Frauen von heute sehr wohl bekannt ist: Vereinbarkeit zwischen dem öffentlichen und privaten Leben zu schaffen. Obwohl sie sich von uns aufgrund ihrer Bigotterie unterscheidet, ähnelt sie uns dennoch darin, dass sie mit denselben Problemen wie die Frauen des 21. Jahrhunderts zu kämpfen hatte: gleichzeitig Frau zu sein, Mutter zu sein und eine Karriere zu verfolgen.

Inwiefern befindet sich das Triptychon „Herrschaft, Weiblichkeit und Mutterschaft“ im Zentrum der von Maria Theresia verkörperten weiblichen Macht?

Im Gegensatz zu ihrem Erzfeind Friedrich II. von Preußen, der die Männlichkeit verkörperte, musste Maria Theresia Männlichkeit und Weiblichkeit miteinander vereinen und gleichzeitig ihren drei Rollen der Frau, Mutter und Herrscherin gerecht werden. Dafür zahlte sie manchmal einen hohen Preis, und zwar Spannungen und Misserfolge. Anhand der Mitregentschaft ihres Sohnes Joseph lässt sich zum Beispiel der Konflikt zwischen ihren Rollen als Mutter und Herrscherin aufzeigen, wie sie selbst schrieb: „Ich liebe ihn, obgleich er mir Kummer bereitet“. Bei der Unterzeichnung des neuen Bündnisses mit Frankreich entstand ein Konflikt zwischen ihrer Rolle als Herrscherin und der als Ehefrau, indem sie sich entschloss, gegen ihren Ehemann zu entscheiden. Das Politische herrschte somit vor ihren persönlichen Gefühlen vor. Später blieb sie diesem Umsturz der Bündnisse treu und setzte sich voll und ganz für dessen Erfolg ein, trotz der Feindlichkeit, die sie in ihrer Umgebung zu spüren bekam. Ihre Loyalität sowie die Einhaltung ihres Versprechens ließen sie zu einer Seltenheit der diplomatischen Welt des 18. Jahrhunderts werden. Sie verkörperte schließlich eher die christliche Moral als die Politik.

Wie festigte Maria Theresia ihre Macht?

Indem sie sich als „wohlwollende Mutter ihres Volkes“ definierte, entschied sie eine Politik der Nähe mit ihrem Volk aufzubauen und schuf somit einen Bruch gegenüber der traditionellen Macht. Die ursprüngliche Schwäche der Frauen verwandelte sie in ihr persönliches Markenzeichen und ihre Kraft. Indem sie die Ungarn im Österreichischen Erbfolgekrieg flehentlich um Hilfe bat, brachte sie die ritterliche Saite dieser Zeit zum Klingen und strebte danach, sich beliebt zu machen. Was weiterhin im 18. Jahrhundert undenkbar war: In Begleitung ihrer Kinder spazierte sie frei durch Wien und verkündete dem Hofstaat, dass sie jedermann empfinge, der dies wünsche. Darin bestand ihr politisches Talent: Sie stellte sich dar wie eine Mutter, die über das Wohl ihres Volkes wacht. Sie verkörperte ein persönliches Modell der Diplomatie.

Heutzutage wird Angela Merkel von der deutschen Presse liebevoll „Mutti“ genannt. Ließe sich hier ein Erbe dieser persönlichen Diplomatie erkennen?

Das Bild von Angela Merkel in ihrem Land ist tatsächlich das einer Mutter. Allerdings muss sie sich nicht um sechzehn Kinder kümmern und legt keinen Wert auf ihr Äußeres. Maria Theresia hingegen war sehr eitel, zumindest bis sie Witwe wurde. Die deutsche Bundeskanzlerin schafft eher ein Modell sexueller Neutralität. Heutzutage sind die Frauen fast gezwungen, sich neutral zu kleiden, als ob sie den Vorsatz hätten, aus weiblicher Sicht unsichtbar zu sein. Hillary Clinton und Theresa May sind elegant, aber auch nicht mehr. Dies ist genau das Gegenteil der Ehefrauen mächtiger Männer, die im Gegensatz dazu weiblich sind, die Klasse oder Schönheit der Frauen ihres Landes verkörpern oder gute Hausherrinnen sein müssen. Was zur Weiblichkeit gehört, gilt noch heute als etwas, das nicht ernsthaft ist. Man muss sich der Männlichkeit anpassen, die seit Jahrtausenden Kompetenz und Ernsthaftigkeit signalisiert. Wenn Barack Obama es sich leisten kann, zweimal in der Öffentlichkeit zu weinen, so wird es als störend empfunden, wenn sich eine Frau den Tränen hingibt. Im Gegensatz dazu konnte Maria Theresia den Trumpf der Gefühle und der Verführung ausspielen.

Maria Theresia wurde zum „König“ Ungarns gekrönt. Inwiefern ist die Wahl dieses Titels symbolisch?

In den Augen der Ungarn war es damals undenkbar, eine Frau auszuerwählen. Maria Theresia umging diesen Brauch, indem sie den Titel „König“ beibehielt. Der Titel Königin von Ungarn und Böhmen war ihr übrigens wichtiger als ihr Titel der Kaisergemahlin, der einzig auf ihren Status als Ehefrau verwies. Ihr Vorgehen kann mit dem der Frauen von heute verglichen werden, die an ihrem Arbeitsplatz ihren Mädchennamen beibehalten, um auf die Stellung der „Ehefrau von“ nicht herabgesetzt zu werden. So zeigte Maria Theresia ein ausgeprägtes Gespür für die absolute Herrschaft. Sie kannte die Bedeutung der Titel und ging so weit, einen Brief von Ludwig XV. zurückschicken zu lassen, in dem er sich an sie als Kaiserin und nicht als Kaiserin und Königin wandte.

Sie widmen der „Diplomatie durch Frauen“ ein Unterkapitel. Welche Rolle spielen diese Botschafterinnen des Schattens?

Als Maria Theresia an die Macht gelangte, wollte sie nicht, dass sich Frauen in politische Angelegenheiten einmischen. Einige Jahre später jedoch schrieb sie an den Grafen von Rosenberg, dass sie letztendlich keinen Grund habe, auf diese zu verzichten, sollten sie kompetent sein. Im Laufe der Jahre baute sie politische und freundschaftliche Beziehungen auf, die auf Vertrauen und heimlichen Einverständnis beruhten. Freundinnen wie Maria Antonia von Bayern erwiesen ihr unermessliche Dienste. Indem sie Frauen auf diese Weise diplomatische Aufgaben anvertraute, zeigte sich auch hier ein weiteres Mal ihr innovativer Stil.

Für das Schreiben Ihres Werkes haben Sie sich auf die Notizen und Briefe von Botschaftern dieser Zeit gestützt. Wie sehen Sie diese diplomatische Arbeit?

Ich beurteile die Qualität eines Botschafters am Grad seiner Scharfsicht sowie an der Vielschichtigkeit seiner Interessen. Je mehr sich ein Botschafter ein Charakterbild der wichtigen Leute des Hofstaates schuf und den zwischenmenschlichen Beziehungen auf den Grund ging, desto feiner war die Analyse in seinen Notizen, anhand derer er die Zukunft des einen oder anderen Hofstaates einschätzen konnte. Die venezianischen Botschafter hatten zum Beispiel von vornherein die Bedeutung der Persönlichkeit der jungen Maria Theresia betont und hatten ihre Liebe zur Macht erkannt. Im Gegensatz dazu hatten viele französische Botschafter sie vollkommen unterschätzt, indem sie sich einzig auf ihre Schönheit und ihre Mutterschaft konzentrierten. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass sie nach dem Tod ihres Vaters die Macht ergreifen könnte. Einige interessierten sich ausschließlich für den Krieg und nicht für die Individuen.

Welche „Baustellen“ verbleiben für die Frauen des 21. Jahrhunderts?

Meine Antwort heute lautet anders, als dies noch vor einem Jahr der Fall gewesen wäre. Die Frage nach den „Baustellen“ ist heute keine Dringlichkeit. Dringlich ist heute die Verteidigung unserer Errungenschaften. Es muss aufmerksam beobachtet werden, was passiert und unsere seit dem Krieg errungenen Rechte müssen erneut bekräftigt werden. Die Lage in der Welt und insbesondere in den USA und in Polen hindert uns daran, für neue Rechte zu kämpfen. Bereits die Abtreibung war in diesen Ländern nicht allen Frauen möglich. Auch in Frankreich kommen Parolen wie „Abtreiben heißt ein Kind zu töten“ wieder auf, obwohl man diese seit dem von Simone Veil ausgearbeiteten Gesetz zum Schwangerschaftsabbruch nicht mehr gehört hatte. Ich bin beunruhigt. Man kann nicht zahlreiche Kämpfe gleichzeitig führen. Man muss sich auf die dringlichsten konzentrieren. Und es ist wichtig, unsere Rechte zu festigen, denn wie Simone de Beauvoir und Benoîte Groult sagten, können die Rechte der Frauen aus welchem Grund auch immer infrage gestellt werden.

Überarbeitung: März 2017