Die Wegbereiterin: Suzanne Borel, die erste Diplomatin in Frankreich

Ihre Kindheit verbrachte Suzanne Borel zwischen Frankreich, dem Senegal, Madagaskar und Vietnam. Nach Erhalt eines Hochschulabschlusses der Philosophie studierte sie Chinesisch an der Hochschule für orientalische Sprachen. Zu diesem Zeitpunkt schickte ihre Mutter ihr einen Zeitungsausschnitt aus „Le Temps“ vom 10. Februar 1928, in dem der Erlass eines neuen Dekretes angekündigt wurde, wonach man am Auswahlverfahren für die Zulassung zu einer diplomatischen und konsularischen Laufbahn teilnehmen konnte.

Suzanne Borel hatte schon immer gesagt, dass wenn sie ein Mann gewesen wäre, hätte sie eine diplomatische Laufbahn eingeschlagen. Sie entschloss sich somit schnell, ihr Glück zu versuchen.

Dazu muss gesagt werden, dass das Ministerium die Karrieremöglichkeiten für Frauen bereits stark eingeschränkt hatte, noch bevor eine Frau die Schwelle des Ministeriums übertreten hatte. In dem Dekret hieß es nämlich, dass „die eventuell zugelassenen Kandidatinnen dem gegenwärtigen Stand der Bestimmungen entsprechend ihre Funktionen nur in der zentralen Verwaltung ausüben könnten“.

Suzanne Borel dachte noch nicht an ihre eventuellen zukünftigen Funktionen, da sie wusste, dass sie noch zahlreiche Hürden vor dem erfolgreichen Bestehen des Auswahlverfahrens nehmen musste. Als sie sich zum Ministerium begab, um sich dort für das Auswahlverfahren einzuschreiben, versuchte somit ein Amtsgehilfe, sie daran zu hindern, da sie ihren Militärdienst nicht abgeleistet hatte. Schließlich versuchten viele ihrer Freunde, sie zu entmutigen, indem sie ihr sagten, dass sie nur scheitern könnte, da sie weder Unterstützer noch Verbindungen hätte.

Von diesem Zeitpunkt an beschloss sie die Devise von Wilhelm I. von Oranien, „der Schweigsame“ genannt, zu ihrer eigenen zu machen: „Es ist weder notwendig, zu hoffen, um etwas zu tun, noch Erfolg zu haben, um durchzuhalten“. Und Durchhaltevermögen hatte sie bitter nötig.

1929 scheiterte sie einmal an diesem großen Auswahlverfahren, aber im Jahr darauf gelang ihr die Aufnahme. Bei dem Termin im Ministerium vor Antritt ihres Amtes erklärte ihr der Personalleiter, dass sie nur Anspruch auf beigeordnete Abteilungen (und zwar die Presseabteilung, die Abteilung der Gesellschaft der Nationen oder die Abteilung der Werke, die dafür zuständig war, die französische Sprache in der Welt zu verbreiten), aber nicht auf die politischen Leitstellen habe. Sie wurde somit gebeten, einen im Voraus vorbereiteten Brief zu unterzeichnen, in dem sie dem Minister das Recht zuerkannte, sie einzig in diesen Abteilungen einzustellen. Anschließend war sie konfrontiert mit dem Versuch der Annullierung des Dekretes zur Öffnung des Auswahlverfahrens für Frauen, als die Vereinigung der Bediensteten des Ministeriums für auswärtige Angelegenheiten Beschwerde beim Staatsrat einlegte.

Die Worte ihres Professors und Freundes André Siegfried, einer der wenigen Menschen, der sie von Anfang an unterstützt hatte, enthüllten an dieser Stelle ihre wahre Bedeutung. Als sie ihn nach dem erfolgreichen Bestehen des Auswahlverfahrens besuchte, sagte er ihr: „Sie wurden zugelassen, nun müssen Sie dafür sorgen, angenommen zu werden“.

Suzanne Borel wurde in der Abteilung der Werke ernannt, in der sie neun Jahre lang verschiedene Ämter bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges ausübte. Später zeichnete sie sich in der Résistance aus und wurde dann berufen, im Kabinett des Ministers für auswärtige Angelegenheiten, Georges Bidault, mitzuwirken, bevor sie diesen kurze Zeit später heiratete.

Obwohl sie die erste französische Diplomatin war, hält Suzanne Borel sich nicht für eine Feministin. In ihrer Autobiografie „Par une porte entrebâillée“ - durch eine Tür, die einen Spalt offen steht – definiert sie sich wie folgt: „Ich bin einfach eine Frau, die Gerechtigkeit mag und die denkt, dass Frauen sehr viel fähiger sind, als man lange Zeit gedacht hat und dass es nur gerecht ist, dass man ihnen eine Chance gibt“.

Der Weg war noch lang bis eine Frau eines der höchsten Ämter antrat, aber der erste Schritt war getan und weitere Frauen durchschritten „diese Tür, die einen Spalt breit geöffnet war“.

Überarbeitung: März 2017